Unfiltered Performance
Ein weiterer Schwerpunkt meiner Arbeit liegt seit Jahrzehnten in der Entwicklung von Choreographien und performativen Formaten mit Laien. Dahinter steht die grundlegende Überzeugung, dass Kunst nicht das exklusive Terrain jener sein darf, die eine formale künstlerische Ausbildung durchlaufen haben. Vielmehr eröffnet gerade die Zusammenarbeit mit nicht-professionellen Akteur*innen ein ästhetisches, soziales und epistemisches Potenzial, das jenseits traditioneller Kunstinstitutionen oft unerschlossen bleibt.
Laien bringen eine Unverfälschtheit der Darstellung mit, die sich schwer erzwingen oder trainieren lässt. Ihre Bewegungen und Ausdrucksweisen sind weniger von kunstinternen Normen, stilistischen Routinen oder virtuosen Erwartungshaltungen geprägt. Stattdessen wirken sie durch eine besondere Unmittelbarkeit, eine Authentizität, die nicht aus technischen Fertigkeiten, sondern aus der Präsenz des gelebten Alltags entsteht. Diese Form der Ausdruckskraft verschiebt den Fokus: Weg von der Perfektion, hin zu einer performativen Wahrhaftigkeit, die unerwartete ästhetische Qualitäten hervorbringt.
Darüber hinaus führt die Arbeit mit Laien zu einer Diversifizierung der künstlerischen Perspektiven. Unterschiedliche Altersgruppen, Körper, Lebensgeschichten und kulturelle Hintergründe finden Eingang in das künstlerische Geschehen. Dadurch entstehen nicht nur andere choreographische Formen, sondern auch neue Rezeptionsweisen. Menschen, die sich sonst selten in Theater- und Kunstinstitutionen bewegen, werden zu Akteurinnen – und häufig auch zu Zuschauerinnen. Kunst verliert damit ein Stück ihrer historischen Elitierung: Die Teilhabe wird breiter, der Dialog offener.
In diesem Sinne ist die Arbeit mit Laien nicht als „Entprofessionalisierung“ zu verstehen, sondern als Erweiterung des künstlerischen Feldes. Sie schafft Räume, in denen ästhetische Erfahrung nicht an technische Exzellenz gebunden ist, sondern aus dem Zusammenspiel von Körpern, Beziehungen und gelebter Erfahrung entsteht. Gerade in performativen Kontexten, in denen Präsenz und zwischenmenschliche Resonanz eine zentrale Rolle spielen, kann diese Form der Partizipation eine besondere Intensität entfalten. Kunst wird so zu einem sozialen und gemeinschaftlichen Prozess, der nicht nur produziert, sondern geteilt wird – und der eine Öffentlichkeit anspricht, die vielfältiger, durchlässiger und weniger hierarchisch organisiert ist.